Über fünfzig Alben aus vierzig Jahren Rockgeschichte habe ich im Metal Diary in den letzten Monaten besprochen. Wild entschlossen, einem musikalischen Stiefkind die Beachtung zu schenken, die ihm die Tagespresse beharrlich verweigert. In eine wahrhaft laute Reise habe ich mich gestürzt. Sie entpuppte sich als kurzweiliger und belebender als ich mir jemals erträumt hätte. Jetzt ist es an der Zeit, Abschied zu nehmen und neue Ideen wachsen zu lassen. In die betörende Leichtigkeit eines Faithless einzutauchen und zu den düster-prophetischen Klängen von E Nomine der Apokalypse entgegen zu tanzen. So will ich heute zum letzten Mal mein metallenes Tagebuch öffnen – um es mit Z wie Zed Yago für immer zu schließen.
Die Wahl mag vordergründig, sogar leichtfertig erscheinen. Tatsächlich ist sie alles andere als das. Natürlich würden mir Dutzende Alben einfallen, die Rockgeschichte geschrieben haben und den letzten verbliebenen Platz im Metal Diary verdienten: Meisterstücke wie Heaven and Hell (Black Sabbath), When Dream and Day Unite (Dream Theater), Night of the Demon (Demon) oder Holy Diver (Dio). Werke von kolossaler Bedeutung für das Entstehen unserer heutigen Metal-Landschaft. Doch wer sich mit dem Thema Hard & Heavy beschäftigt, wird auch ohne mein Zutun irgendwann über sie stolpern. Über Zed Yago dagegen kaum. Deshalb komme ich nicht umhin, mich vor dieser Sternstunde metallischer Schaffenskraft zu verneigen. Dass die Band aus alphabetischer Sicht so schön ins Konzept passt, ist reiner Zufall – zugegeben ein willkommener.
Ende der 1980er Jahre triefte die Metalwelt vor Testosteron. Die wenigen Damen, die sich vorsichtig an diesen erlauchten, urmännlichen Musikerzirkel heranwagten, ernteten bestenfalls ein gönnerhaft-anzügliches Grinsen, nicht selten beißenden Spott. Doro Pesch, Lita Ford und Girlschool können ein Lied davon singen. Da krachte aus dem Nichts eine deutsche Band in die Szene, präsentierte ihr Erstlingswerk From Over Yonder. Eine Rotte norddeutscher Piraten, angeführt von einer unergründlichen, finster-kraftvollen Sirene. Von einer Stimme, die wie ein Orkan durch die Männerbastion fegte, sie ins Wanken brachte. Die den bombastischen Kompositionen eine Krone emphatischer Intensität aufsetzte und einen Zyklon infektiöser Leidenschaft entfesselte. Dabei war die Dame, der diese Stimme gehörte, durchaus kein unbeschriebenes Blatt, hatte sie ihre Musikalität in deutschen Rockproduktionen und Musicals doch längst bewiesen. Mit der Gründung von Zed Yago beschritt Jutta Weinhold lediglich neue Wege und wandte sich erstmals einer von klassischen Motiven inspirierten Metalvariante zu. Damit zählt die in Mainz geborene Sängerin zu den Genre-Pionieren, denn die Idee der Adaption klassischer Themen innerhalb metallischer Musikproduktionen, inzwischen gang und gäbe, war damals noch neu.
Also schickte man, von Wagners Fliegendem Holländer beseelt, dessen wehrhafte Tochter Zed Yago auf ihren unverweslichen Törn, dazu verdammt, des Vaters Fluch auf ewig zu tragen. Doch nicht nur die fiktive Piratenbraut, sondern auch reale Freigeister wie Anne Bonny werden in From Over Yonder zu einem Sinnbild erwachender weiblicher Kraft.
Jutta Weinhold gab dieser Kraft ein Gesicht. Und zum ersten Mal in der Geschichte des Metal musste eine Sängerin an vorderster Bühnenfront ihre körperlichen Vorzüge nicht mehr als Waffe einsetzen, um ihre Daseinsberechtigung zu unterstreichen. Plötzlich war es unwesentlich, dass eine attraktive Frau den Mikrophonständer hielt, allein der Mehrwert zählte, den ihr markig-herber Gesang den wuchtigen Arrangements zu bieten hatte.
Wie erwartet jubilierte der Rezensentenchor und beschwor den kometenhaften Aufstieg der Musiker. Leider zu früh, denn der allseits verheißene Durchbruch blieb aus. Mit Pilgrimage unternahmen Zed Yago 1989 einen weiteren Versuch, die Aufmerksamkeit der Hörer auf sich zu lenken. Auch diesmal war ihnen kein Erfolg beschieden und die Band löste sich auf. In einschlägigen Kreisen hat die Gruppe – nicht zuletzt durch ihr so kurzes wie intensives Bestehen – heute Kultstatus erreicht. Da erstaunt es kaum, dass es Versuche gab, dem einstigen Wunderkind neues Leben einzuhauchen: Mit frischer Besetzung hisste das Piratenschiff 2005 noch einmal die Totenkopfflagge, musste an den hohen Erwartungen und der Ehrfurcht gegenüber dem Original aber zwangsläufig scheitern.
From over Yonder bietet vom ersten bis zum letzten Ton Heavy Metal der Extraklasse. Ein Album voll kraftstrotzender Hymnen und mitreißender Refrains. Umso betrüblicher, dass ihm ein Ehrenplatz in der Ruhmeshalle des Metal versagt blieb.
Mein Prädikat: Zeitlos
Nun, meine Lieben – das war’s.
Meine Empfehlung an die Seher von E Nomine.
NON est silentium.
Keep the spirit of Metal alive.
Genialer Abschlusskommentar – Kompliment
Schade schade ist Schluss mit lustig. :(