Die Offenbarung des Hohepriesters:
Judas Priest – Nostradamus (2008)

leftIn den vergangenen Wochen erschien es beinahe anstößig, das Netz mit launigem Heavy Metal-Geplauder zu versorgen, während die Welt in einen Strudel verheerender Katastrophen und Konflikte gerissen wurde. Dem unermesslichen Leid die Besprechung musikalischer Erzeugnisse gegenüberzustellen geriet zum Antagonismus moralischer Integrität, sich auf die Neuveröffentlichungen von Amon Amarth oder Krypteria zu konzentrieren, mutete angesichts der bestürzenden Nachrichten grotesk an. Doch allzu schnell verblassen die Schicksale hinter den schrecklichen Bildern, werden die Eindrücke zu einem flüchtigen Teil unseres täglichen Einerleis.

Längst haben wir uns an das stille Leiden gramgebeugter Japaner und den trotzigen Überlebenskampf der Rebellen im Nahen Osten gewöhnt – und gehen zur Tagesordnung über. Zugegeben: Mitgefühl allein hilft den Unglücklichen nicht weiter. Sich aus Solidarität in die Depression zu stürzen auch nicht. Bleibt also nur das Verdrängen? Möglicherweise. Oder die Alternative, sich dem Vergessen entgegenzustellen. Sich daran zu erinnern, dass irgendwo auf der Welt Menschen verzweifelt auf Hilfe warten. Zu begreifen, dass wir uns nicht in Sicherheit wiegen können, dass es auch uns eines Tages erwischen kann. Und wir es dann sein werden, die auf die Anteilnahme und den Goodwill anderer angewiesen sind.
Musik ist ein bedeutsamer Teil der menschlichen Existenz, ein treuer Begleiter in (fast) allen Lebenslagen. Sie bewegt und erfrischt, beseelt und tröstet. So verwundert es kaum, dass die Titanic unter orchestraler Begleitung im Eismeer versank und die Toten in New Orleans mit Jazz-Klängen zu Grabe getragen werden. Denn Musik hilft uns dabei, das Unerträgliche zu ertragen. Sie wird zum Botschafter politischer Veränderungen und verbindet, was als unvereinbar galt. Doch nicht jede Art von Musik passt zu jeder Lebenssituation. Kein Trauernder möchte Merengue tanzen, kein Brautpaar Mozarts Requiem hören. Und doch scheint es für jede Gelegenheit die passenden Klänge zu geben – womit wir den Kreis also endlich geschlossen hätten. Denn auch durch Phasen des Kummers und Mitempfindens zieht sich Musik, nicht zuletzt manch ambitionierte, hochemotionale Metal-Kreation. Ob man allerdings in jeder erdenklichen Situation darüber schreiben mag, steht auf einem anderen Blatt.

Judas Priest sind uns im Metal Diary schon häufig begegnet. Aus gutem Grund – schließlich gehören sie zu den Mitbegründern und wichtigsten Vertretern des klassischen Heavy Metal. Das allein bewahrt sie aber nicht davor, für die eine oder andere Veröffentlichung mit Häme und Spott überzogen zu werden. Auch das Konzeptalbum Nostradamus stieß eine tiefe Kluft in die Kritikerfront. Von einer “Oper apokalyptischen Ausmaßes” war da die Rede, von “Wanderklampfe” und “Mainstream-Soli” (Home of Rock), von “ermüdend wirkenden Musical-Einflüssen” (Vampster), von “billigem Kitsch” und “überzogenem Pathos” (Rocktimes). Die Verfechter der neuen Ära konterten mit Superlativen wie “erstklassig” und “anspruchsvoll” (metal.de), mit “beeindruckendem Tiefgang, faszinierender Dynamik und enormer Substanz” (Metal Hammer).
Eine wahrhaft bemerkenswerte Anhäufung von Antithesen. An Uneinigkeit ist man im Metal-Genre inzwischen gewöhnt – aber in diesem Ausmaß? Offensichtlich kochen die Emotionen im Fall Judas Priest besonders leicht über, was weder in der einen noch der anderen Zielrichtung angemessen erscheint. Die Aufregung mag zum einen mit der exponierten Stellung zu tun haben, in die sich die fünf Briten durch ihre Selbststilisierung zu Metal-Göttern katapultiert haben, zum anderen mit den hohen Erwartungen, die einer solchen Position innewohnen.
Fakt ist, dass sich die aus Birmingham stammende Band nach sechzehn Studioalben und über vierzig Jahren im Musikgeschäft ein Mindestmaß an Respekt verdient hat, das ihr in vielen Fällen allerdings verwehrt bleibt. Zu schwer wiegt die Enttäuschung, wenn das neue Werk dem persönlichen Geschmack des Urteilenden nicht entspricht, sprich die Metallgötter es vorzogen, progressive Wege zu gehen anstatt eine Neuauflage der vielgepriesenen Painkiller-Epoche abzuliefern. Ebenso unerfreulich allerdings, wenn die Nadel in die entgegengesetzte Richtung ausschlägt und jeder Song zum Gipfel metallischer Schaffenskraft erklärt wird.
Die Wahrheit über Nostradamus liegt wie so oft in der Mitte. In die fast zwei-stündige Spielzeit haben die Musiker ein Opus von einem für sie ungewöhnlichen Tiefgang gepackt, sich weit in die Gefilde epischen Metals vorgewagt. Das kann zunächst Befremden auslösen, wird demjenigen, der sich dem Material unvoreingenommen zu nähern bereit ist, aber eine Fülle ansprechender Melodien und unterhaltender Momente bescheren. Der ungewohnte Hang zur Theatralik mag wie in Exiled und Alone phasenweise kitschig wirken, ist im engagierten Gesamtkontext indessen vertretbar. Trotz der vielen gefühlvollen Passagen kommt auch das typische, Gitarren getriebene Element zu seinem Recht: Visions, Revelations sowie der Titelsong Nostradamus wären Beispiele dafür, die selbst eiserne Kritiker milde stimmen sollten. Mit bittersüßer Wucht und mitreißender Düsternis schwingt sich das Schlusslicht Future of Mankind zum unbestrittenen Höhepunkt des Albums auf – und setzt mit seinen harmonisch aufeinander abgestimmten Gitarreneinlagen Akzente, die lange nach Verstummen des letzten Akkordes noch nachhallen.
Keine Frage: Nostradamus ist ein faszinierendes Werk. Sicherlich kein Aufputschmittel für die Anhänger vergangener Painkiller-Tage, dafür eine Wohltat für die Freunde melodiösen Metals und für all jene, die es werden wollen.

Mein Prädikat: Großartig