Die Potsdamer Folk-Metal Band Subway to Sally ist eine feste Größe in der deutschen Musik-Szene – und das nicht erst seit ihrem Sieg bei Stefan Raabs BundesVisionSongContest 2008. Mit Kreuzfeuer haben die Brandenburger im letzten Jahr ihr zehntes Studioalbum veröffentlicht – ein Werk, das sich nicht nur durch die Vielseitigkeit seiner Kompositionen, sondern insbesondere durch einen hohen Qualitätsanspruch an seine Texte auszeichnet. Die Geschichten, die Gitarrist und Texter Michael Boden, genannt Bodenski, in seinen Liedern erzählt, lassen viel Raum für Interpretationen. So war es ebenso spannend wie aufschlussreich, seine Sicht der Dinge zu hören – bevor Subway to Sally als Headliner die Bühne des Summersend Open Airs in Andernach betraten.
Allgemeines
Subway to Sally – der Name klingt ungewöhnlich, seine Entstehung gab zu endlosen Spekulationen Anlass. Wie kam er wirklich zustande?
Bodenski: Mit dem Namen Subway to Sally bewegen wir uns in der Tradition der frühen 1990er Jahre, als Bandnamen wie The Sisters of Mercy, A Flock of Seagulls oder Element of Crime, Slogans also, angesagt waren. Wir stammen aus dem Osten und in der Zeit vor dem Mauerfall haben wir deutsch gesungen, in der Wendezeit, also zu Anfang unserer Karriere, dann englisch. In jener Zeit war das Texten schwierig, da das Wertesystem zusammengebrochen war und sich die Bedeutungsmetaphern mit einem Schlag verändert hatten – was gestern noch wild, geheimnisvoll und System unterwandernd gewesen ist, war heute harmlos und ohne Biss. Der Bezugsrahmen hatte sich verschoben, die Zwischen-den-Zeilen-Kultur, die im Osten vorherrschte, war mit dem Mauerfall über Nacht verschwunden. In dieser Situation mussten wir einen Bandnamen finden. “Subway to Sally” entstammt einem Amateurfilm aus dem Filmarchiv des Vaters unseres Schlagzeugers, der Filmemacher war: Die Story von irgendeiner Kuh in der U-Bahn, die dort überfahren wurde. Das ist die Geschichte dahinter.
Also gar nicht so geheimnisvoll?
Bodenski: Auf der ersten Platte gibt es ja diesen Song Down the Line, dort finden sich die Zeilen Subway to Sally – also die Reise zu Sally im Untergrund, die U-Bahn, die mich zu Sally bringt, Sally is my destination – die Suche nach der Erfüllung, nach dem leidenschaftlichen Punkt im Leben, der nur im Untergrund zu finden ist. Da kann man einiges hineingeheimnissen. Wenn man damals gewusst hätte, welche Entwicklung die Band nimmt, hätte man wahrscheinlich einen anderen Namen gewählt.
Am 22. Oktober erscheint Ihre zweite Akustik-DVD Nackt II. Was ist der Unterschied zu der im Jahr 2006 veröffentlichten DVD Nackt bzw. welchen Anreiz bietet die Neuerscheinung jemandem, der die erste DVD bereits im Schrank stehen hat?
Bodenski: Nach langen Überlegungen haben wir damals unsere erste Akustiktour auf die Beine gestellt, die sehr erfolgreich war und für uns sehr entspannt ablief. Wir haben uns gedacht, wenn wir so etwas vier Jahre später noch einmal machen, geht das nur, indem wir ein ganz neues Kapitel aufschlagen. Unser Anspruch an die zweite Auflage der Akustiktour war, keinen Song noch einmal zu spielen, ein völlig neues Programm zu bringen. So haben wir mit Nackt II ganz neu aufgesetzt – es ist also keinesfalls so, dass man mit Nackt die Hälfte der Songs schon hat, denn außer der Zugabe gibt es keine Überschneidung. Auch das optische Konzept ist ein völlig anderes, sowohl was das Bühnenbild anbelangt, das aus einer aufwendigen Theaterkulisse besteht, als auch die Kostüme betreffend. Der Unterschied ist deutlich. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht: Die Produktion ist reifer, Bild und Ton sind besser. Mehr Anreiz als wir mit Nackt II geschaffen haben, geht nicht.
Vor kurzem wurde das bandeigene Label “Subway to Sally” gegründet. Wo sehen Sie die Vorteile eines Alleingangs im Vergleich zu Ihrer bisherigen Kooperation mit dem schwäbischen Branchenführer Nuclear Blast?
Bodenski: Das ist eine lange Geschichte – und dass wir uns von Nuclear Blast getrennt haben, kann man so nicht sagen, denn die Verträge waren regulär ausgelaufen. Nach reiflicher Überlegung haben wir schließlich entschieden, dass es an der Zeit ist, sich auf eigene Füße zu stellen – was am Anfang eigentlich nur Nachteile bringt. Man hat mehr Arbeit und muss die Projekte aus eigener Tasche vorfinanzieren, die Kosten für die Produktion, die Herstellung der Tonträger und die GEMA vorstrecken. Wir haben ausgerechnet, dass es mehrere Jahre dauern wird, bis die Sache für uns lukrativ ist. Im Grunde ist es eine Investition in die Zukunft. Aber wir sind nun so lange dabei und haben in der Vergangenheit mit sehr vielen Partnern zusammengearbeitet – nie hat einer die Wundertüte aufgemacht und uns zum Staunen gebracht. In punkto Ideen und Betreuung wurden wir oft enttäuscht. Ich denke, wir haben das ganz geschickt gemacht und erst einmal klein angefangen: Mit einer Best-Of CD als Fingerübung. Nun kommt die DVD, das ist auch noch überschaubar. Die Königsklasse wird dann das neue Album im nächsten Jahr – dann geht es ans Eingemachte.
Damit haben Sie meine nächste Frage vorweggenommen: Ihre Diskographie besagt, dass Sie seit 1994 zehn Studioalben veröffentlicht haben – spätestens jedes zweite Jahr eines. Nach dem Gesetz der Reihe müsste 2011 also der Nachfolger für Kreuzfeuer anstehen.
Bodenski: Das Gesetz der Reihe kann auch ein Fluch sein. Wir sind mit sieben Musikern eine relativ große Band und es gibt ja noch mehr Leute, die ebenfalls davon leben. Man braucht es nicht schönzureden – in den Zeiten zusammengebrochener Plattenverkäufe muss man als Band halt anders funktionieren. Es ist ein bisschen wie am Anfang: Es ist uns nicht vergönnt, nach einer Veröffentlichung ein Jahr Pause zu machen oder ausschließlich an einem neuen Album zu arbeiten, das läuft immer parallel: Wir spielen Live-Konzerte und sitzen unter der Woche im Studio und machen uns Gedanken. Das zehrt und manchmal braucht man eine Auszeit. Hinter der Idee mit der eigenen Plattenfirma steht natürlich auch der Wunsch, aus diesem Teufelskreis langfristig auszubrechen und an den Alben, die man verkauft, am Ende auch einmal eine Mark zu verdienen.
Sie haben in den letzten Jahren eine beeindruckende Anzahl an Live-Auftritten absolviert. Wie wirkt sich das enge Zusammensein auf die persönlichen Beziehungen innerhalb der Band aus? Geht man sich irgendwann nicht gegenseitig auf die Nerven?
Bodenski: Den Punkt haben wir längst überwunden. Sicherlich haben wir auch einmal Auseinandersetzungen – die natürlich nicht mit der Faust ausgetragen werden, die man vielmehr löst, indem man sich aus dem Weg geht. Oder man spricht sich aus. Vieles fängt auch die Crew auf – wir sind insgesamt mit 18 Leuten unterwegs, da bilden sich Sub-Gruppen und das Ganze wird entzerrt. Alles in allem kennen wir uns nach all den Jahren gut genug, teils sogar noch aus der Schulzeit. Mit Simon dem Älteren habe ich 1984 Abitur gemacht. Und man darf nicht vergessen – wir haben immer wieder diese wunderbaren Erlebnisse auf der Bühne, das schweißt zusammen.
Das Innencover von Kreuzfeuer zeigt die gesamte Band, wobei Michael Boden als einziger eine Pistole in der Hand hält – eine Geste der Abwehr oder des Angriffs? Sind Sie möglicherweise selbst ins Kreuzfeuer geraten?
Bodenski: Ich halte sie alle in Schach… Nein, ernsthaft – so tiefenpsychologisch würde ich an die Sache nicht herangehen. Wir haben uns nicht zusammengesetzt und gesagt “der Bodenski hält jetzt die Pistole, denn der hält sie alle in Schach”. Für den Albumtitel habe ich mich stark gemacht, denn es ist unser zehntes Album und es ist im Grunde schon so: Zehn Mal begibst du dich wieder ins Kreuzfeuer. Du kannst es keinem recht machen, denn mit der Bandgeschichte wächst auch die Fangeschichte. Da gibt es die Leute, die uns seit 15 Jahren kennen und andere, die uns erst seit fünf Wochen kennen – die haben natürlich ganz unterschiedliche Erwartungen, ganz unterschiedliche Bewertungsskalen.
Lesen Sie noch Kritiken?
Bodenski: Ja, ich lese alles. Als Texter bin ich sowieso am Kritik erprobtesten, weil jede meiner Arbeiten sofort und direkt kommentiert wird.
Analyse der Songtexte
Bodenski: Ich habe meine Sozialisation im Osten erfahren – und Religion hat fast meine gesamte Kindheit und Jugend über keine Rolle gespielt. Mit meinem Studium der Germanistik und einem wachsenden Interesse für alle Arten von Kunst und Kultur ist mir über die Lektüre – von Umberto Ecco beispielsweise – bewusst geworden, dass mir viele Verständniscodes für die abendländische Kultur fehlen. In dieser Kultur, in der ich lebe, ist alles verankert, was für mich von Bedeutung ist: Unser Ehrenkodex, unsere Moral, unsere Justiz. Die gesamte Kunst über Jahrhunderte hinweg bleibt unverständlich, wenn man sich nicht mit den religiösen Themen auseinandersetzt. Ich hatte da ein gefährliches Halbwissen und habe alles Mögliche gelesen und versucht, es zu verstehen – die apokryphen Schriften zum Beispiel. Bei all dem bin ich aber nie über den Zustand des Zuschauers hinausgekommen, bin nach wie vor kein religiöser Mensch. Aber ich mache mir natürlich auch so meine Gedanken, über das Woher und Warum.
Und Dogmatismus lehnen Sie ab?
Bodenski: Der ist in jeder Form abzulehnen. In dem Alter, in dem ich inzwischen bin, finden ebenso viele Hochzeiten wie Begräbnisse statt. Da steht man dann an den Gräbern und es wird so viel darüber geredet – über Gott und die andere Seite des Weges, die eben auch dazu gehöre. Eine gute Freundin von mir ist vor wenigen Wochen bei einem Motorradunfall gestorben. Da frage ich mich schon: Ist dort wirklich einer, der es zulässt, dass jemand bei einem Wild-Unfall mit 40 Jahren mitten im Leben sterben muss? Ich beschäftige mich gedanklich mit diesen Themen, habe es aber nicht geschafft, mir daraus ein religiöses Weltbild zurechtzuzimmern. Ich bin sozusagen ein Suchender. Aber trotz meiner Einstellung bin ich tolerant gegenüber den Glaubenden, das ist eine 2. Ebene, die sich durch meine Texte zieht – an keiner Stelle wird man etwas Diffamierendes über jemanden finden, der glaubt.
Aus den Songtexten der Alben Kreuzfeuer, Bastard und Nord Nord Ost
Sieben
“Denn die Sieben ist meine Zahl” – dem Namen Bodenski entspricht in der Numerologie die Zahl 7. Zufall oder Absicht?
Bodenski: Bei mir gibt es keine Zufälle. Dennoch ist manchmal der Reim nur der Reim. Da spielt auch Handwerk eine Rolle. Wo es möglich ist, gehe ich in die Tiefe – in diesem Fall lautet die Antwort also “ja”. Obwohl der ganze Text insgesamt eher verspielt ist. Es gibt noch weitere denkbare Ansätze, schließlich besteht die Band aus sieben Mitgliedern. Außerdem gibt es eine Urform des Textes, die etwas anders aussieht. Da ist die Rede von den sieben Weltwundern, von den sieben Schmerzen Marias und ähnlichem. Dieser “Urtext” hatte eine ganz andere Struktur, einen anderen Anspruch. Das Thema hat mich schon länger beschäftigt.
Angelus
Wer oder was ist der Engel, der sich über die menschliche Drangsal erhebt?
Bodenski: Zunächst einmal möchte ich sagen, dass jede Interpretation grundsätzlich richtig ist. Das erste, was einem im Germanistikstudium vermittelt wird, ist die Forderung, von der Biographie und Person des Autors Abstand zu nehmen.
Bei diesem Text stand für mich persönlich ein zentrales Thema im Vordergrund, das mich seit einiger Zeit beschäftigt – seit ich verheiratet und privat angekommen bin. Rückblickend analysiere ich jetzt meine früheren Beziehungen, die nicht funktioniert haben, und auch die Dramen und Tragödien, die sich in meinem Umfeld so abspielten. Das zentrale Motiv ist eigentlich die Frage, warum wir Menschen, die wir so lang dafür brauchen, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, es dann, wenn wir es erlangt haben, mit aller Macht wieder zerstören. Das kann für eine Person, eine Lebenssituation oder ganz allgemein für ein Ziel gelten. Erreicht man es endlich, wird es plötzlich in Frage gestellt: War es wirklich das, was ich wollte? Bin ich jetzt zufrieden? Und das ist genau der Moment, in dem Leute in der Lage sind, alles zu zerstören. Das habe ich schon bei mehreren Männern so erlebt.
Judaskuss
Bodensische Exegese und ein Hauch von Verständnis für den Judas in uns allen, ein Trostwort für die Unvollkommenen?
Bodenski: Ja, das trifft zu – wobei ich in der Interpretation, die nicht allein von mir stammt, noch etwas konkreter bin und die Figur des Judas als aktiv wirkende und verwirklichende Kraft sehe. Judas übernimmt in dieser Geschichte eine ganz wichtige Funktion, nämlich Jesus im Garten Gethsemane durch diesen Kuss, den Judaskuss, der Öffentlichkeit zu offenbaren. Und das ist weniger der Kuss des Verräters als vielmehr ein Geschenk. Erst mit seiner Verhaftung, dem Leidensweg und seiner Kreuzigung konnte Jesus der Menschheit geben, was ihn – etwas pathetisch gesprochen – zu ihrem Erlöser gemacht hat. Wenn man sich den Text genau ansieht, stellt man fest, dass es Jesus ist, der spricht.
Im letzten Teil heißt es schließlich “Gott nimmt auch die Sünder an” – und das ist der Trost für uns alle. Auch auf älteren Alben finden sich im Übrigen solche Anspielungen und Auslegungen der Bibelgeschichte – die Sache mit Noah und der Arche auf MCMXCV wäre ein weiteres Beispiel dafür.
Versteckt
Was könnte es sein, das sich da so hartnäckig dem Blick entzieht? Einer, der über uns wacht oder gar das eigene Gewissen?
Bodenski: Das wäre überinterpretiert.
Dann ist der Reim nur der Reim?
Bodenski: Nein, das auch nicht. Die Sache ist ganz einfach, aber man kann sie nur verstehen, wenn man den Kontext kennt, aus welchem der Text entstanden ist – nämlich aus meiner sehr bequemen und ausgeglichenen Perspektive heraus. Das Ganze ist wirklich sehr persönlich: Ich lebe seit über 40 Jahren in der gleichen Stadt und meine Frau ebenfalls. Wir sind uns bis zu einem bestimmten Tag nicht über den Weg gelaufen, obwohl wir – wie wir später herausgefunden haben – zum Teil sogar den gleichen Bekanntenkreis hatten. Da haben wir uns gefragt: Was wäre wohl passiert, wenn wir uns mit 25 kennengelernt hätten? Das hätte wahrscheinlich nicht funktioniert, weil wir menschlich noch nicht so weit waren, weil wir andere Filme hatten, die noch am Laufen waren. Als wir ganz jung waren, sind wir sogar in die gleiche Discothek gegangen – sie als Popper und ich als Punker. Da wären schon allein die Klischeebarrieren zu hoch gewesen, um sich kennenzulernen. So kommt man zu dem Schluss, dass es für alles den richtigen Augenblick gibt. Und dass man, wenn man könnte, auf den Richtigen warten sollte – der sich zur richtigen Zeit schließlich zeigen wird. Die Person in meinem Text weiß um diese Dinge, deshalb sagt sie “Ich werde mich verstecken und schweigen… zur rechten Zeit will ich mich zeigen”.
Das ist ein schöner Hintergrund, auf den ich nie gekommen wäre…
Bodenski: Können Sie ja nicht… Aber darüber hinaus: Auch jede andere Interpretation ist nicht falsch!
Vater
Der liebe Gott schuf uns mit all unseren Fehlern, also trägt er eine gewisse Mitschuld an unseren Verfehlungen und hat über unsere Missetaten gefälligst hinwegzusehen. Menschlicher Bigotterie und Selbstgefälligkeit den Spiegel vorgehalten?
Bodenski: Gut auf den Punkt gebracht. Genau das ist es. Was den Song etwas schwierig gestaltet, ist die Tatsache, dass sich Ironie in der Musik nur schwer umsetzen lässt. Da haben wir diese sehr pathetische Instrumentierung, die sich irgendwie an den Worten reibt. Und plötzlich bekommt man das Gefühl, dass mit dem Text irgendetwas nicht stimmt…
Der Text wurde von Eric, unserem Sänger, mit inspiriert und hat folgende Entstehungsgeschichte: Eric war zu Ostern in der Kirche und fand sich inmitten einer Gruppe von U-Boot-Christen wieder – so nennt unser Bassist die Leute, die nur zu ganz bestimmten Anlässen in der Kirche auftauchen und meinen, damit ihre Schuldigkeit getan zu haben. Diese Leute, die glauben, dass es genügt, zwei Mal im Jahr zu Gott zu beten. Das ist bigott und bestimmt nicht die Idee des praktizierten Christentums.
Umbra
“Ich stell mich in den Schatten / werf keinen je voraus / und werf ihn nicht auf andre / die Nacht ist mein Zuhaus” – Eine Hommage an den Vampir, ganz dem Zeitgeist entsprechend?
Bodenski: Biss zum Morgengrauen ist nicht so mein Ding. Aber Umbra entstand ohnehin bevor die Twilight-Story aufkam. Eigentlich ist das Stück keine Vampir-Geschichte – mit dem Thema versuche ich vielmehr Bilder wie das “Schatten werfen”, “jemandes Schatten sein” oder “der Schatten folgt mir nach” zu bündeln. Mir persönlich sind diese Leute suspekt, die sich hinstellen und Licht verbreiten können. Das hat immer so etwas Endgültiges. Dabei gibt es keine einfachen Antworten auf die schwierigen Fragen. Und trotzdem gibt es Leute, die versuchen, genau das zu vermitteln. Gerade bei uns Künstlern werden oft pauschalisierte, einfache Aussagen getroffen – und die dienen mir so gar nicht.
Vielleicht ist ja auch die Antwort weniger entscheidend als die Frage: Wenn die richtige Frage zur richtigen Zeit gestellt wird, kann die Antwort einfach sein – und trotzdem wahr…
Bodenski: Wenn man es so sieht, bin ich eher der Fragensteller. Antworten findet man in meinen Texten selten. Wenn es überhaupt Antworten gibt, dann können die für jeden anders aussehen.
Wie auch die Interpretationen?
Bodenski: Genau.
Das Hohelied
Ein einziger göttlicher Fingerzeig vermag das menschliche Geschrei und Getöse verstummen zu lassen. Und wenn wir ihn endlich in aller Stille statt unter lautem Gejohle lobpreisen – welches Wunder mag uns dafür zuteil werden? Die Erkenntnis über die wahre Beschaffenheit der Dinge?
Bodenski: Finde ich schön… Im Grunde geht es um das Thema “wo Licht ist, ist auch Schatten”. Herauszugehen mit viel Geschrei und Getöse funktioniert nur, wenn man auch einmal leise sein kann. Das versuche ich auch immer wieder auf unseren Konzerten erlebbar zu machen.
Frei nach Nietzsche – Der Weg zu allem Großen geht durch die Stille?
Bodenski: Oh, sehr schön… Wer liest schon noch Nietzsche? Aber – ja, in die Richtung geht es.
Das Rätsel II
Ich habe des Rätsels Lösung nicht gefunden…
Bodenski: Um das zu verstehen, muss man die Bandgeschichte kennen. Die meisten Zeilen in den Strophen sind Anspielungen auf Motive früherer Alben – und die Aufforderung “Schenkt uns einen Schrei!” dient der Interaktion mit dem Publikum. Wenn wir 2012 unser 20jähriges Jubiläum feiern, wird das wohl der Höhepunkt unseres Konzerts…
Seemannslied
Eine Ode an den Seefahrer, der sich vor Sehnsucht nach seiner Liebsten verzehrt. Gleichzeitig ein Sinnbild für die menschliche Zerrissenheit – für das ewig Suchende, das nie einen schützenden Hafen erreichen wird?
Bodenski: Auf dieses Lied bin ich sehr stolz, es hat auch eine wirklich tolle Komposition. Das Motiv hatten wir im Prinzip vorhin schon einmal, das ist nur eine andere Spielart. Große Themen schlagen sich immer in mehreren Texten nieder. Wir sind ja immer auf der Suche nach dem einen Hafen, in den wir einlaufen wollen. Auf Kiel ist auch ein solches Motiv. Maritime Themen sind da sehr dankbar, weil sie sich gut auf die menschliche Lebensreise übertragen lassen. Dieses Unergründliche… auf der Oberfläche dahinzufahren, ohne zu wissen, was in der Tiefe lauert. Die permanente Anwesenheit von unendlicher Gefahr, die oft so harmlos daherkommt, wenn man nur die glatte Oberfläche sieht. Diese unendliche Weite: Was könnte es Besseres geben als Metapher für die menschliche Seele?
Persönliches
Was assoziieren Sie mit den folgenden Begriffen
Freiheit
Bodenski: Ach komm. Freiheit… für mich als Ossie… Da gibt so viele Klischees, die einem sofort über die Zunge laufen wollen…Freiheit ist in mir.
20 Jahre Mauerfall
Bodenski: Für mich zur richtigen Zeit passiert.
Bundesregierung
Bodenski: Besser als wir alle glauben wollen. Zumal die Situation sehr schwierig ist. Den Job möchte ich nicht machen.
Macht
Bodenski: Macht macht sexy. Ein sehr gefährliches Gut, das nur sehr schwach dosiert an Menschen ausgegeben werden sollte.
Erfolg
Bodenski: Erfolg ist auch sexy. Erfolg ist relativ. Einer meiner Lieblingssprüche ist: “Das Lob einer Ziege, das konnt’ er ertragen, das Lob eines Affen, das kränkte ihn sehr”. Anerkennung ist Erfolg. Aber wenn der Beifall von der falschen Seite kommt, kann man den Erfolg nicht genießen.
Grenzwissenschaften
Bodenski: Ich weiß nicht, was Grenzwissenschaften sind… Grenzen finde ich grundsätzlich spannend. Aber ich bin in allem, was ich denke und tue sehr bodenständig.
Tod
Bodenski: Eines der wenigen zentralen Themen, die mich dauerhaft traurig machen. Ich finde, dass man davor nicht die Augen verschließen sollte, dass es wichtig ist, sich damit auseinanderzusetzen.
Eine letzte Frage
Ein bretonisches Sprichwort sagt: “Die Poesie ist stärker als die drei stärksten Dinge: das Böse, das Feuer und der Sturm”. Übertrieben pathetisch oder im Kern doch zutreffend?
Bodenski: Da Poesie alles darf, ist das auf jeden Fall zutreffend.
Und Poesie kann Veränderungen herbeiführen?
Bodenski: Ja, im einzelnen Menschen. Ich glaube nicht daran, dass man mit Kunst die Gesellschaft per se verändert. Poesie kann den Blickwinkel des Einzelnen verstellen, so dass er Dinge neu bewertet, die er für sich bereits ad acta gelegt hatte. Hier kommen wir wieder an den Punkt: Es gibt keine einfachen Antworten. Doch eines ist sicher: Poesie muss auf einen entsprechenden Nährboden fallen, um etwas zu bewegen…

Subway to Sally auf dem Summersend Open Air in Andernach

Bodenski

Eric Fish und Simon der Ältere
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