Das Jahr 2005 ebnet nicht nur Iron Maiden den Weg in die zweite Karriere: Auch Judas Priest, ebenfalls gewichtige Vertreter der einstigen New Wave of British Heavy Metal, treten fast fünfzehn Jahre nach dem Weggang ihres Sängers Rob Halford mit Angel of Retribution in ihrer erfolgreichsten Besetzung ins Rampenlicht zurück. Zwistigkeiten innerhalb der Gruppe hatten, wie auch bei anderen großen Bands des Genres, einen Jahre andauernden Schlingerkurs nach sich gezogen. Doch aller Streit scheint auf einmal vergessen und die neue Einigkeit wird mit einem bemerkenswerten 5. Platz in den Deutschen Charts belohnt.
Bezeichnend bereits der Einstiegssong Judas Rising, in welchem die Briten den Geist der neuen Ära beschwören:
White Bolt of Lightning
Came out of Nowhere
Blinded the Darkness
Created the Storm…
Hart und harmonisch, makellos und mitreißend – der Racheengel lässt keinen Zweifel darüber aufkommen, womit er die Welt zu geißeln gedenkt: Seine Waffe ist der bedingungslose, der echte und augenscheinlich noch immer zeitgemäße Heavy Metal.
Erst Stück Nummer vier, das getragene Worth Fighting For, erlaubt Atem zu schöpfen. Für wen es sich da zu kämpfen lohnt? Den nahe liegenden Schluss zu ziehen, bleibt dem aufmerksam Zuhörenden selbst überlassen. Die Verschnaufpause währt nur kurz – mit Demonizer und Wheels of Fire bedienen Judas Priest inhaltlich wie musikalisch wieder alle Genre-Klischees. Vor allem letzteres dürfte seit seinem Erscheinen zur Hymne jedes ernst zu nehmenden Biker-Treffens avanciert sein. Ein Höhepunkt des Albums ist zweifelsohne die wunderschöne Ballade Angel, die ihr klagender, ausdrucksstarker Gesang in himmlische Höhen trägt.
Angel will we meet once more – I’ll pray
When all my sins are washed away
Hold me inside your wings and stay
Angel take me away…
Eigentümlich, phasenweise sogar dissonant klingt der über 13-minütige Schluss-Track Lochness. Müßig festzustellen, dass der äußerst pathetische Refrain kaum den Geschmack hartgesottener Heavy Metal-Anhänger treffen dürfte. Doch um derlei Nichtigkeiten haben sich die selbstbewussten Briten nie geschert: Bereits an ihrem 1986er, stark kommerziell ausgerichteten Album Turbo schieden sich die Geister.
Auch das auf Angel of Retribution folgende, 2008 erschienene Konzept-Album Nostradamus schlägt eher gemäßigte Töne an und damit eine tiefe Kluft in die Fangemeinde – doch dazu an anderer Stelle mehr.
Für heute wollen wir es bei den Worten des metallischen Hohepriesters bewenden lassen:
Sad Wings of Destiny rise up from the Abyss
into the Metal Heavens
heralding a new Age that beckons Revenge
from the Angel of Retribution… Judas Priest
Mein Prädikat: Inspirierend
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