Eben noch in die substanziellen Erinnerungen der wilden 1980er vertieft, finde ich mich unverhofft im Niemandsland fernab aller menschlichen Begrenzung wieder, begleite zögerlich einen französischen Musiker auf seine Reise in ein vorheriges Leben. Der Mann nennt sich Neige (frz. Schnee) und folgt damit der Tradition des Black Metals, den eigenen Namen durch ein Pseudonym zu ersetzen und der Öffentlichkeit nicht preiszugeben. Wahrhaft seltsame Töne dringen da an mein Ohr und ich brauche sehr viel länger als gewöhnlich, um mich auf ihre ätherische Schwingungsfrequenz einzustellen.
Dabei muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich das Album ursprünglich nur erstanden hatte, um an seine wunderschöne Coverzeichnung zu gelangen – von Alcest hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt nie etwas gehört. Was auch nicht weiter verwunderlich ist, schließlich haben die Franzosen seit Gründung der Gruppe im Jahr 2000 mit Écailles de Lune erst ihre zweite CD hervorgebracht. Erwähnenswert mag darüber hinaus die Tatsache sein, dass das aktuelle Projekt durch lediglich zwei Personen getragen wird: Mastermind Neige, der alle Gitarren-, Bass- und Gesangspartien übernimmt und Schlagzeuger Winterhalter.
Musikalisch werden Alcest gemeinhin als eine Mischung aus Black Metal und Shoegazing eingeordnet, was die eine oder andere, vollkommen berechtigte Frage aufwerfen dürfte. Black Metal ist uns bei Samael bereits begegnet, was aber könnte sich hinter dem Begriff Shoegazing verbergen?
Nun, diese Stilrichtung erblickte vor gut zwanzig Jahren in Britannien das Licht der Musikwelt. Sie definiert sich über ihre melodischen, alles beherrschenden und psychedelisch anmutenden Gitarren-Strukturen, die frappant an die Unüberwindbarkeit einer mittelalterlichen Trutzburg erinnern. Durch Effektgeräte wird der Klang der eng gewebten Gitarrenmuster verzerrt und weiter verdichtet – so entstand die Metapher der “polyphonen Gitarrenwände”. Soviel zur technischen Umsetzung.
Wie mögen sie sich nun anfühlen, diese Melodien jenseits jeder kommerziellen Gemarkung? Der Maestro selbst bezeichnet sein Werk als “Eerie Emotional Music” – als eine unheimliche, gefühlsbetonte Form der Musik. Doch sie ist viel mehr als das: Die Klang-Kreationen des grazilen Franzosen sind ebenso eigenartig wie außergewöhnlich, vermögen ein Gefühl bizarrer Körper- und Zeitlosigkeit zu vermitteln. Und aller Anerkennung ihrer Besonderheit zum Trotz sind sie vor allem eines: Ausgesprochen gewöhnungsbedürftig.
Befremdlich wirkt so manche Gesangspassage, die – einem nicht enden wollenden Aufschrei gleich – der Gitarrenwand eine Mauer aus stimmlicher Grenzwertigkeit gegenüberstellt. Dass sich in diesen Momenten jeglicher Versuch erübrigt, den überaus gehaltvollen und wunderbar poetischen Texten zu folgen, versteht sich von selbst. Der Wanderschaft des Monsieur Neige tut das keinen Abbruch: Feinsinnig lässt er uns kraft eines Booklets an seinen Erkenntnissen teilhaben – an den Sehnsüchten und Abgründen seiner im Ozean der Zeit zerflossenen Inkarnation.
Percevant les échos de la nuit tombante,
Je trouverai le sommeil au fond de l’océan.
Der Gesinnungsgenosse genießt und schweigt.
Mein Prädikat: Fremdartig
Kommentar schreiben