Die Metallurgie der Poeten:
Subway to Sally – Kreuzfeuer (2009)


Mit ihrem fulminanten Auftritt in Dischingen haben Subway to Sally ihr letztes Album Kreuzfeuer noch einmal in den Fokus meiner Aufmerksamkeit gerückt. Obgleich man aufgrund ihrer großen Beliebtheit seit geraumer Zeit kaum noch an den Potsdamern vorbeikommt, habe ich mich erst jetzt mit leidenschaftlicher Konsequenz auf ihre tiefsinnigen, in deutscher Sprache verfassten Texte sowie die polymorphe Vertonung eingelassen – und mich im Labyrinth der vielgestaltigen menschlichen und religiös-spirituellen Tragödien verloren.

Wirklich verblüffend, wie im scheinbar Offensichtlichen der Ansporn zu individueller Interpretation schlummert, wie der eigenen Vorstellungskraft Tür und Tor geöffnet wird. Niemand, der diesen magischen Point-of-no-Return passiert, wird sich der bestechenden Metaphorik des Bodensischen Gedankengutes ernsthaft verschließen. Dabei existieren merkwürdigerweise nicht nur so viele Deutungen wie Deutende – nein, auch der Auslegende selbst gelangt, dem Abwickeln eines Wollknäuels mit unzähligen Enden gleich, immer wieder zu bislang unberührten Ansätzen, zu gänzlich neuen Sichtweisen und Lesarten. Eine echte Herausforderung, angesichts der eleganten Verse voll feinsinniger Transzendenz nicht in die Gefilde sophistischen Philosophierens abzugleiten…

Wenn es an dieser Stelle auch schwerfällt – ein Minimum an Fakten soll die heutige Rezension immerhin enthalten: Seit 1994 haben Subway to Sally zehn Studioalben veröffentlicht, sowohl Nord Nord Ost (2005) als auch Kreuzfeuer (2009) konnten bis auf Platz 5 der Deutschen Charts vorrücken. Die Band, aus sieben Musikern bestehend, wird gemeinhin der Kategorie Folk-Metal zugeordnet, was vor allem auf die Verwendung folkloristischer – bzw. für den Bereich des Hardrocks ungewöhnlicher – Musikinstrumente wie der Violine, der Drehleier oder dem Dudelsack zurückzuführen ist.         
          Eine Schlüsselposition nimmt zweifellos Gitarrist und Gründungsmitglied Michael Boden (“Bodenski”) ein, der beinahe das gesamte Textmaterial liefert: Er versucht gar nicht erst, den studierten Germanisten zu leugnen, seine Strophen künden von Scharfsinn, seine Sprache sprüht vor spielerischer Leichtigkeit – in einer Zeit philologischer Verelendung unbestritten ein Lichtblick. Für die Freunde elegischer Dichtkunst deshalb mein kleiner Tipp am Rande: 2005 hat Michael Boden seinen Gedichtband Inniglich veröffentlicht, in ihm finden sich nicht nur die ungekürzten Songtexte von Subway to Sally, sondern auch Werke, die keine musikalische Umsetzung fanden. Aber nicht nur den Texten gebühren Lobeshymnen – auch die Vertonung der Verse ist eindrucksvoll, spiegelt sie doch perfekt den dramaturgischen Aufbau der Bodensischen Oden. Ob rockig-vorwärtsstrebend wie Aufstieg und Judaskuss oder nachdenklich-still wie So fern, so nah und Versteckt, ob Elektrogitarre, Dudelsack oder Violine: Hier stimmt jede Note, sitzt jeder Einsatz.

Bewegt sich das gesamte Album musikalisch wie textlich auch auf gleichbleibend hohem Niveau, möchte ich dennoch zwei Stücke besonders hervorheben. Zum einen Komm in meinen Schlaf, das atemberaubende Duett zwischen Eric Hecht (“Fish”) und Eisblume-Sängerin Sotiria Schenk (“Ria”): Mag das altbekannte Schöne-gegen-Biest-Motiv auch schon (zu) oft bemüht worden sein, die sich langsam aufbauende Dramatik des Liedes jagt dem Hörer Schauer wohligen Grusels über den Rücken, lässt ihn einen nahezu voyeuristischen Genuss empfinden.

Erst kommt Lust, dann Bedauern,
beides löschen wir wie Licht
und die Nacht mit ihren Schauern,
weicht geträumter Zuversicht.
Ich komm in deinen Schlaf,
ich mach dir neue Tränen,
ich komm in deinen Schlaf. 

Bis in die Grundfesten der Seele vermag die klagende Ballade Angelus durchzudringen. Und wieder erteilt Michael Boden dem aufmerksamen Zuhörer den Auftrag zur Entschlüsselung seiner melancholischen Botschaft, zieht ihn in seine Welt der Gedankenspiele und grenzenlosen Möglichkeiten. Aber Vorsicht: Das Vordergründige mag auch hier nicht das eigentlich Naheliegende sein. 
Der Engel als Synonym für das höhere Selbst erstrahlt über den Niederungen des menschlichen Daseins – er wird verehrt, verkannt und aus Unwissenheit und Hilflosigkeit schließlich getötet. 

Du spanntest deine Schwingen auf,
sie waren weiß und weit
und ich versank darinnen ganz.
Ein Hauch von Ewigkeit
Umwehte mich in deinem Arm
bei meiner Wiederkehr,
ich lass dich nimmermehr.
Ich bin der Bach der talwärts fließt,
du aber bist das Meer.
Ich habe meinen Engel
Im Aufwind schweben seh’n
Hoch über allen Wolken
Und überirdisch schön.

Einfache Worte voll lebendiger Poesie, eine Instrumentierung von betörender Schönheit. Worauf des Dichters Intention in Wahrheit auch immer abzielte – eines ist sicher: Die heutige Wertung habe ich alles andere als leichtfertig vergeben.

Mein Prädikat: Grandios